Empathie und Abgrenzung - wie soll das gehen?

"Du musst lernen, dich abzugrenzen..."

Lange Zeit hatte ich gemischte Gefühle, wenn ich an meine Jugendzeit zurückdachte. Und konnte es nicht richtig einordnen. Es gab keine dramatischen Ereignisse, und doch fühlte sich meine Kindheit in der Erinnerung eher belastet als unbeschwert an. Natürlich prägen uns negative Erlebnisse stärker – unser Nervensystem stuft sie als potenziell gefährlich ein und speichert sie tiefer ab. Und doch ging es um etwas anderes.

 

Als erhöht neurosensitives Kind nahm ich die Stimmung meiner Mitmenschen schon sehr früh und sehr intensiv wahr. Nur war mir damals und bis vor wenigen Jahren gar nicht bewusst: Viele dieser Gefühle waren gar nicht meine. Ich spürte, was in anderen vorging – und versuchte zu regulieren, zu beruhigen, zu harmonisieren. Negative Emotionen zu ertragen, fiel mir schwer, also begann ich unbewusst sehr früh, mein Verhalten so anzupassen, dass es meinem Gegenüber und damit auch mir besser ging.

 

Ich war wohl bereits eine kleine Therapeutin… auf Kosten meiner Unbeschwertheit, meiner Energie und meiner mentalen Gesundheit. In den Jugendjahren befand ich mich oft am Rand der Erschöpfung, fühlte mich unendlich traurig – und wusste nicht weshalb.

 

Oft hörte ich Sätze wie: «Du musst lernen, dich abzugrenzen» oder «Du hast halt ein empfindliches vegetatives Nervensystem». Für mich hörte sich das an wie eine mathematische Gleichung, die ich weder lösen noch überhaupt richtig verstehen konnte.

 

Und ich frage mich oft, wie es wohl den hochsensitiven Jugendlichen heute geht, mit allen Reizen, der ganzen Informationsflut und permanenten Vergleichsmöglichkeiten im Netz.

Ein Erlbnis, das vieles klärte

Ein kurzer Zeitsprung nach vorne: Kurz vor der Mittagspause hatte ich eine Person mit einem gebrochenen Fuss in der Therapie. Ich kannte sie gut und schon sehr lange. Am Nachmittag wollte ich vom Computer aufstehen … und sackte beim Aufstehen kur ein. Plötzlich hatte ich starke Fussschmerzen. Ein paar irritierte Minuten später schrieb ich der Person. Auch sie hatte nach der Therapie mit Schmerzen reagiert.

 

Zufall? Schräg? Auch schon einmal erlebt?

 

Ich könnte einige solcher Geschichten erzählen – besonders aus meinen Jahren im Spital.

 

Damals konnte ich mir das nicht so genau erklären. Heute weiss ich: die Spiegelneuronen spielen eine grosse Rolle. Diese Netzwerke von Nervenzellen werden aktiv, wenn wir beobachten, lernen oder Mitgefühl empfinden. Und je empathischer ein Mensch ist, desto intensiver kann diese Resonanz sein, ganz individuell.

Wichtige Fragen, die daraus entstehen

  • Bin ich dem nun (als Therapeutin) einfach ausgeliefert?
  • Muss mein Körper also besonders viel aushalten können?

Habe ich in der Schule oder während meiner Ausbildung konkret gelernt, wie ich mich abgrenzen kann?

Die ehrliche Antwort darauf: Nicht wirklich…

 

Meine heutige Erkenntnis ist, dass hochsensitive Personen, insbesondere in sozialen, therapeutischen oder beratenden Berufen, ein erhöhtes Risiko haben, krank zu werden. Abgrenzung ist deshalb keine leere Floskel, sondern ein entscheidender Schutzfaktor. Manchmal sogar überlebenswichtig.

 

Und das gilt nicht nur beruflich. Auch im privaten Umfeld hilft eine empathische Abgrenzung. Kinder regulieren sich vor allem im jungen Alter über uns Eltern. Ich sehe sie öfters in den letzten Jahren in meiner Praxis: hochsensitive Kinder mit liebevollen Eltern, die sich nichts mehr wünschen, als dass es ihren Kindern in der heutigen Welt und Gesellschaft gut geht und sie ihren Platz darin finden. Aus eigener Erfahrung weiss ich, je aufgeräumter ich selbst unterwegs bin, desto besser kann ich diese Begleiter Rolle erfüllen.

Empathie & Abgrenzung = Selbstfürsorge

Für mich ist es kein Widerspruch, sondern eine Voraussetzung, um langfristig kraftvoll für andere da zu sein. Wie so oft im Leben, sind wir eingeladen, auf den ersten Blick zwei Gegenpole zu integrieren.

 

Möchtest du wissen, wie es um deine Empathie- und Abgrenzungsfähigkeit steht? Der Neurotypentest kann dir erste Hinweise liefern.

 

In einem persönlichen Potenzialgespräch erfährst du genaueres über dein Testresultat und die Möglichkeiten, wie du deine Abgrenzungsfähigkeit und Lebensqualität verbessern kannst.